Freizeit-Mobilität im Umweltverbund in Deutschland.

Obwohl der Verkehrsanteil mittlerweile über 50 % liegen dürfte und viele negative Folgen wie zum Beispiel gerade auch die Verkehrsunfälle, das Waldsterben, die Luftverschmutzung, Ozon usw. zunehmend deutlicher damit verknüpft sind, sind der Freizeitverkehr und der Tourismus noch immer weitgehend ausgeklammerte Themen in der Ökologie-Diskussion in Deutschland. Das hat seine Gründe. In diesem durchaus etwas eckigen Beitrag geht es überhaupt nicht mehr um Dannenwalde, oder eben doch? "Dannenwaldes" gibt es in Deutschland viele, so einzigartig der Ort auch sein mag.

Wonach uns dürstet

Nachdem nun selbst die schönsten Gegenden in Deutschland Einbrüche bei den Besucherzahlen erleben und die Tourismus-Anbieter ein Wegsacken befürchten, erkennt man hier und dort, dass man sich mitten in einem harten globalen Wettbewerbskampf um die Touristen befindet. Guten Morgen Deutsch-land. Innerhalb des weltweit größten Wirtschaftszweiges ist kein Platz mehr für den Traum, dass die Urlauber schon jedes Jahr wiederkommen, wenn man sie nur am Frühstückstisch freundlich genug anlächelt. Auch wenn man die großen Fernreisen erst einmal ausklammert und sich auf die Tages- und Kurzurlauber konzentriert, muß man sich sehr ernsthaft mit der Fragestellung auseinandersetzen: Was macht den Reiz der ständig zunehmenden, zeitlich immer kürzeren Fernreisen gegenüber den teilweise in Deutschland dramatisch abnehmenden Nahreisen aus? Was fehlt uns hier, was reizt uns dort?

Mitarbeiter der Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover haben kürzlich versucht herauszufinden, was ganz generell die Motive für den Freizeitverkehr sind. Bei den befragten Männern ragten das "Aktivitätsbedürfnis" (1. Priorität) und der "Bewegungsdrang" (2. Priorität) deutlich heraus. Offensichtlich erfüllen sich aber die meisten Männer das Bedürfnis nach "Bewegung", indem sie sich ins Auto setzen und möglichst lange fahren. Als "Aktivität" reicht vielen offensichtlich das Herumtreten auf Pedalen. D.h., wir müßten bei den Männern lediglich versuchen, die Ansprüche und das Niveau zu erhöhen, um einen ökologisch- und sozialverträglichen Tourismus zu erreichen. Vielleicht ist dies eine Binsenwahrheit, aber so ist Wissenschaft nun einmal, es müssen nicht immer völlig neue Erkenntnisse dabei herauskommen.

Die Frauen haben deutlich andere Schwerpunktsetzungen, sie verlangen nach "frischer Luft" und wollen vor dem "Alltagseinerlei fliehen" (beides in 1. Priorität). Sie fliehen zumeist im Auto oder lassen sich gar fliehen. Frische Luft gibt es, wenn die Scheibe heruntergedreht wird. Auch von den Frauen werden wohl die eigenen Bedürfnisse derzeit unter Niveau befriedigt. Auffallend aber ist an dieser neueren Untersuchung, dass sich von den sechs aufgeführten Hauptmotiven des Freizeitverkehrs (die vier bereits genannten und "Die Decke fällt mir auf den Kopf") mit Pfiffigkeit und Kreativität zumindest fünf sehr häufig im Nahbereich erfüllen lassen.

Schwierig wirds mit dem sechsten genannten Hauptmotiv, dem etwas diffusen Verlangen nach dem "Hauch der Freiheit". "Frei fühlen" kann man sich wohl nur im Ausland und selbstverständlich auch nur als Tourist. Unabhängig mal von der "Freiheit", die wir meinen, bleibt die geradezu geniale Erkenntnis, dass wir ja gar nicht so weit fahren bzw. fliegen müssen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Toll. Aber warum halten sich selbst ökologisch aufgeschlossene Menschen nicht daran? Obwohl wir in Deutschland seit Jahren über die "Nachhaltigkeit", "Zukunftsfähigkeit", die "Effizienz", die "Umweltverträglichkeit", die "Sozialverträglichkeit" unseres Tuns und Handelns reden, und uns ja auch hier und da richtig aktiv einbringen. Haben wir irgendwelche Probleme? Es gibt eine ganze Reihe davon.

Die Uhr tickt weiter

Das erste Problem ist zur Zeit gerade im Freizeitbereich die Zeit, die uns davonläuft. Der Bahn-Abbau in der Fläche, der als "Alternative" angebotene aber dann in der Praxis gar nicht erst aufgebaute Busverkehr, ja der auch bereits laufende Abbau von Bus-Angeboten, das alles geht so schnell voran, dass von einer heute entwickelten attraktiven touristischen Verbindung morgen schon ein Ast abbricht und damit das Ziel nur noch mit dem Auto erreichbar ist. Für die Herren in den Chefetagen des "Unternehmen Zukunft" DB AG scheint der Freizeitverkehr gar nicht zu existieren, es sei denn, der Fernverkehr, für den die Kunden aber zunehmend das Flugzeug wählen. Das Ende des öffentlichen Personen-Verkehrs in der Fläche ist bereits in Sicht, wir gehen einer Fast-Null-Lösung an allen Nicht-Schultagen entegegen, durch den stufenweisen Abbau der Mittel auf Bundes-, Landes- und dann Kreisebene.

Allerorten steckt der Staat unsere Steuergelder in die Wirtschaftsförderung. Wenn ein Unternehmen nur drei neue Arbeitsplätze androht, bekommt der Laden seinen eigenen Straßenanschluß. Wenn derselbe aber ein großes Hotel mit sehr vielen Arbeitsplätzen ist und viele Gäste regelmäßig mit der Bahn anreisen, dann wird der Bahnhof wegrationalisiert, wenn mal wieder der FahrpIanwechsel ansteht. Mit Steuergeldern werden Flüge gefördert, die dafür sorgen, dass die Bürger Ihr Geld möglichst weit weg in anderen Ländern ausgeben. Der Tourismus ist natürlich auch hier wichtig, überall und allerorten, nur fehlt das Geld zu seiner Förderung. Es muß leider gesagt werden: Wenn wir hier noch etwas retten wollen, müssen wir früh aufstehen und uns warm anziehen.

Zeit muss man sich nehmen

Das zweitgrößte Problem ist auch gerade im Freizeitbereich unsere Zeit. Wir haben zwar laut Statistik immer mehr davon, nur wollen wir Starrköpfe noch immer unsere Zeitplanung selbst bestimmen und in der Praxis wissen, ob wir mit unserer Familie, unseren Freunden nach einem Tagesausflug auch tatsächlich spätestens am Sonntag-Abend wieder zu Hause ankommen. Es gibt ja noch immer Menschen, die arbeiten dürfen.

Der Autofahrer kennt sein Vergnügen und meistert das alles mit einer guten Autokarte des großen Bruders: Erst etwas Stau, dann in der Fläche verteilts sich so, ein herrlicher Tag in Parkplatznähe, fürs Essen wird noch mal kurz der Parkplatz gewechselt, Blick zum Sonnenuntergang am See, herrlich, Luft tanken, denn jetzt kommt das schreckliche Ende: Stau. Wie kann man denn Straßen so eng bauen? Und dafür zahlen wir die vielen Steuern. Morgen stehts so auch in den Zeitungen, wir kennen das.

Der nichtautofahrende Mensch, immerhin verfügen in Großstädten wie Berlin annähernd die Hälfte aller Haushalte gar nicht über einen eigenen Wagen, hat von Freunden so einen Tipp bekommen, dass eine Schiffstour ganz toll sein soll als Tagesunternehmung. Pläne werden gewälzt, das Bahn-Kursbuch erfreut doch immer wieder durch Klarheit und Schlichtheit, doch wann ist eigentlich der Fahrplanwechsel? Wird denn der Bus tatsächlich am Bahnhof vertaktet sein? Voraussetzen sollte man es wohl nicht. Oder fährt der gar nicht mehr am Bahnhof vorbei, die Linie ist im Plan nicht drin? Zu Fuß schaffen wir es aber nicht zur Dampferanlegestelle. Also müssen wir die Räder mitnehmen, das kostet allerdings mehr als die Bahnfahrt für die ganze Familie. Und zurück, verdammt, legt das Schiff genau 2 Minuten nach der Abfahrt des letzten Zuges am 10 Kilometer entfernten Steg an. Das geht also so nicht. Wie haben das wohl die Freunde gemacht? Sind die etwa am Wochenende mit dem Auto unterwegs, wo wir doch so manch einen Abend beim Weine gemeinsam über die Nachhaltigkeit unserer Handlungen diskutiert hatten und uns auch einig waren?

Unsere jährliche Sünde

Das dritte große Problem sind wir selbst, wir mit unserer durchaus kritischen ökologischen Grundhaltung. Eigentlich sehen wir ja schon die Notwendigkeit ein, dass sich die Verkehrspolitik ändern muß. Aber es geht ja immerhin auch um die zweitschönsten Stunden unseres Lebens, und da sündigen wir schon gerne mal ein wenig oder gar ein wenig zuviel. Sind wir nicht auch schon mal auf die Kanarischen Inseln geflogen? Es ist Fakt, dass viele von uns im Freizeitsektor am meisten sündigen. Das aber sollte uns keineswegs bremsen, sondern Kraft geben für positive Aktivitäten vor Ort.

Aufgaben für Profis

Das vierte Problem aber sind die Touristik-Fachleute, denn die müßten das ja schließlich alles besser wissen und besser machen. Es gibt auf der einen Seite mittlerweile eine ganze Reihe von Planungsbüros, die sich den Gemeinden, Ämtern und Kreisen für das Aufstellen von Tourismuskonzepten anbieten. Da geht teilweise ziemlich viel Geld über den Tisch, werden Brainstormings, Befragungen und wissenschaftliche Analysen durchgeführt, um dann letztlich der Gemeinde das Anlegen eines Golfplatzes zu empfehlen oder einen ordentlichen Straßenanschluß an den kleinen Motorsport-Flugplatz.

Auf der anderen Seite wurden die meisten Berufs-Touristiker offensichtlich seit Jahren darauf gedrillt, uns in den Reisebüros Kataloge zu verdolmetschen. Spitzenkräfte verstehen gar, die günstigsten Fahrpreise bei der Deutschen Bundesbahn zu ermitteln. Vor Ort aber sitzen häufig Touristikverwalter, die z.B. kurzfristige ABM-Menschen anleiten, denen man jede Gutwilligkeit unterstellen kann, aber die reicht in einem solchen Gewerbe halt nicht aus. Sie leben teilweise noch in einem Zeitalter, in dem am Donnerstag noch ein Schild: "Aus beriebstechnischen Gründen am Dienstag geschlossen" im Fenster hängen durfte.

Was fehlt sind das Know-how, also gerade das Wissen über die Zusammenhänge und vor allem die Zeit für Kreativität. Für Kreativität wird man nicht bezahlt, sicher eines der Grundprobleme der deutschen Wirtschaft, auf jeden Fall aber der Tourismus-Branche. Anstatt zu jammern, sollte damit begonnen werden, Ansprüche an sich selbst zu stellen. Es ist offensichtlich noch niemand auf die Idee gekommen, "Qualitäts - Standards" für alle touristischen Informationsstellen und auch für die Zielgruppe der Nichtmotorisierten zu Papier zu bringen, wie sie sich in anderen Wirtschaftszweigen immer mehr durchsetzen. Es gibt allenfalls Ansätze von Leitlinien für Bahnhöfe, Bahnhofsumfelder, Ortserkundungen; es fehlen weitgehend Hilfestellungen für alle, die zu Fuß, mit dem Rad, dem Bus, der Bahn unterwegs sind. Es fehlen Fachleute, die auch mal von ihrem Computer wegkommen und es fehlen unabhängige und möglichst flexible praxisorientierte Wissenschaftler beziehungsweise wissenschaftliche Praktiker.

Hier gibt es auch für Verbände, für kleinere Ortsvereine und überhaupt für alle, denen der Erhalt unserer Umwelt am Herzen liegt gleichermaßen viel anzupacken, denn dieser Bereich ist keineswegs als beackert anzusehen. Die hochgelobte "Konkurrenz" unserer freiheitlich demokratischen Wirtschaftsordnung ist ganz offensichtlich allein nicht ausreichend, um Kreativität hervorzurufen. Bisher ist allenfalls der Versuch bemerkenswert, in immer größeren Freizeitparks amerikanisches Vergügungsflair schaffen zu wollen. Über "Unsere-schöne-land-schaft"-Prospekte hinausragende Werbungen für hiesige Angebote muß mensch suchen. Und wieso bitte muß die Freizeitwerbung, wenn sie sich nicht gerade auf die Küsten unserer beiden Meere bezieht, stets als Zielgruppe fast ausschließlich die Rentner im Auge haben. Wieso ist das alles so hausbacken? Wer keine Konzepte hat, die über "unseren schönen deutschen Wald" hinausgehen, muß sich nicht wundern, dass sich außer der Knickerbocker-Gilde niemand angesprochen fühlt.

Die deutsche Tourismus-Branche ist zumindest teilweise selbst Schuld daran, dass es bergab geht mit ihr. Nur nutzt uns diese Feststellung herzlich wenig, denn wir wollen ja eine Veränderung, hin zu einem zukunftsfähigen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus.

Dieser Beitrag von Bernd Herzog-Schlagk erschien in etwas veränderter Form erstmals zusammen mit weiteren Informationen zum Thema "Freizeitverkehr" im bundesweiten Informations-Dienst-Verkehr, 19. Jahrgang, IDV 56, April 1998, Hrsg. Arbeitskreis Verkehr und Umwelt UMKEHR e.V. und FUSS e.V., heute: mobilogisch - Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung www.mobilogisch.de

Verwendete Quellen:
Rauh, Wolfgang; Regner, Karl; Zellmann, Peter: Freizeitmobilität - Umweltverträgliche Angebote und Initiativen, Schriftenreihe "Wissenschaft & Verkehr", 1/1998, Wien 1998, öS 240,- Herausgeber, Verleger und Bezug: VCÖ Verkehrsclub Österreich, Dingelstedtgasse 15, 1150 Wien, Telefon (01) 893 26 97, Fax (01) 893 24 31.

Heinze G.W.; Kill H.H., Freizeit und Mobilität, Neue Lösungen im Freizeitverkehr, Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover 1997, Verlagsservice Braunschweig GmbH