Was ist ein Kultur-Bahnhof ?

Der Begriff "Kultur-Bahnhof" ist in Deutschland sehr verbreitet. Er wird verwendet für Bahnhofsgebäude, die heute gänzlich vom Bahnnetz abgehängt und wegen der Architektur zu Kunststätten geworden sind, z.B. der ehemalige "Hamburger Bahnhof" in Berlin, der heute das Museum für Gegenwart beherbergt. Oder es sind großzügig angelegte Bahnanlagen an Haltepunkten, die heute von der Bahn nicht mehr in diesem Umfang genutzt werden, z.B. Kassel Hauptbahnhof, der nach Eröffnung des ICE-Bahnhofes Kassel-Wilhelmshöhe Künstlern und für Veranstaltungen Räume bietet. Oder es sind Bahnhöfe wie z.B. der in Ratzeburg, wo mit sehr viel Engagement der noch in Betrieb befindliche Bahnhof durch ein breites Kunstangebot aufgewertet wird.

Eine Tradition entsteht

In dieser Liga kann der kleine Bahnhof Dannenwalde nicht mitspielen. Und dennoch geschah hier nach der befristeten Wiedereröffnung am 2. Juni 1996 einiges, was durchaus als ungewöhnlich bezeichnen kann, zumindest in dieser dörflichen Region. Bereits zur Begrüßung des "Jubelzuges" wurde die Rampe vor der alten Lagerhalle entdeckt für Begrüßungsreden und auch für erste kulturelle Beiträge. Später erhielt die "Kultur-Rampe" dann gar einen dicken Vorhang und war der Mittelpunkt für Aufführungen, Musikdarbietungen z.B. bei den Bahnhofs-Festen.

Da lediglich ein Teil der Rampe überdacht ist, das Publikum stets unter freiem Himmel oder unter der Linde sitzt, wurde vom FUSS e.V. der "Sonnen- und Regenschirm-Verleih" eingeführt. Nur ein einziges Mal musste eine Veranstaltung in ein Restaurant verlegt werden. Zum 5. Jubiliäum der Wiedereröffnung 2001 reichte die Rampe als Bühne nicht mehr aus und so wurde der gesamte Bahnhofsvorplatz mit einbezogen. Beim 125. Bahnhofsjubiläum 2002 wurde dann die gesamte Festgesellschaft gar zur Festtafel an der Badestelle des Kleinen Wentowsees geführt. Gut geklappt hat über die vielen Jahre die Zusammenarbeit mit dem Verein "Kultur und Kirche am Weg" und mit den Naturfreunden, die das Schloss betreuen. So fanden Veranstaltungen vor oder im Bahnhof, neben oder in der Kirche und im oder hinter dem Schloss statt. So wurden z.B. im Rahmen von Fachseminaren in der Bahnhofs-Stube oder im Anschluss von Wanderungen und Radtouren kulturelle Veranstaltungen in der Kirche besucht.

Fast ausschließlich durch Bürgerengagement wurden diverse "Bahnhofs-Feste", "Herbstfeuer/Vereinigungsfeuer", das "Weihnachstbaum-Schlagen" und andere Veranstaltungen durchgeführt, mit vielfältigem Programm:

  • Ausstellungen über die Bahn oder die Dorferneuerung;
  • Volkshochschulseminar und Seminare über den naturnahen Tourismus;
  • Diskussionsrunden zum Naturschutz, zur Freizeitmobilität, über Naturkosmetik, aber auch zum Thema "Begegnungen und Toleranz" mit Prof. Helmut Seidel aus Leipzig und der AusländerInnen-Beauftragten des Landes Brandenburg;
  • Lesungen z.B. "Blumengedichte" von Frederike Frei "Von der BUGA in Potsdam zum BLUBA (Blumenbahnhof) in Dannenwalde" mit Klarinettenbegleitung oder von Helmut Horst im Zug von Oranienburg nach Dannenwalde aus den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" von Theodor Fontane;
  • Kleinkunst verschiedener Art, z.B. das Marionettentheater I. Lehmann;
  • Musikveranstaltungen mit Leierkasten, Akkordeon, Geige, Gitarrenspiel, Klarinetten, Blasorchester, "Lychener Tormusikanten", Gesang- und Tanzgruppen (z.B. Flamenco), der Liedermacher Steffen Kockel, die Jugend-Band "Linnecor", die "Spandauer Schilfrohrbläser", und sicher besonders herausragend das klassische Bläserensemble des Weltorchesters "Jeunesses Musicales - Weltblech";

    besiegelten die Tradition, dass der Bahnhof in Dannenwalde zu den Kulturorten in der Gemeinde und der Region wurde, also ein Kultur-Bahnhof.

    Eine Tradition muss gepflegt werden

    Ab dem Jahr 2002 wurden die kulturellen Veranstaltungen am Bahnhof sehr weitgehend eingeschränkt, weil der Verein Umweltbahnhof Dannenwalde e.V. beschloss, mehr Wanderungen und Radtouren durchzuführen und sich inhaltlich auf andere Dinge zu konzentrieren. Ähnlich verlief die Entwicklung im Schloss, wo sich die Naturfreunde Oberhavel mit der Sanierung des Gebäudekomplexes beschäftigen mussten. Es blieb der Verein "Kultur und Kirche am Weg", der sich unermüdlich bemühte und weiterhin Ausstellungen und Veranstaltungen in der bereits sanierten Kirche über die Sommermonate anbietet.

    Der bereits am 13.November 1998 von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der "Bahnhofs-Kultur-Konferenz (BKK)" im Schloss Dannenwalde erarbeitete Ideenkatalog brachte für die Dannenwalder Aktivitäten Impulse. Er würde noch immer einen Fundus bieten für die Beschäftigung mit dem Thema "Bahnhofs- und Reisekunst und -kultur" und über viele Jahre auch Experimentiermöglichkeiten, Spaß (und Arbeit) für die Beteiligten vor Ort. Der Grundstein dafür ist gelegt, doch es fehlt derzeit an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Zeit dafür hätten, sich hier einzubringen.

    Haben wir Sie neugierig gemacht? Dann nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

    Zum Schluss noch

    Eine ungewöhnliche Idee aus Dannenwalde:

    Ein ganz praktisches Beispiel dafür, dass das von der Tourismus-Branche so viel bejammerte Winterloch im sandigen Brandenburg durchaus mit neuen Ideen zu durchbrechen ist, lieferte die:

    1. FAHRGASTLESUNG
    in einem Zug der Deutschen Bahn

    "Etwas besonderes ausgedacht hat sich der FUSS e.V. mit einer Lesung im Zug am Samstag den 21. Februar ab Bahnhof-Char-lottenburg (8.02) oder Bahnhof-Spandau (8.10) in Richtung Neustre-litz. Unter dem Motto "Der mobile Mensch in der Literatur" gibt es keinen Vorleser, sondern lediglich einen Moderator. Vorlesen werden die Fahrgäste Textstellen bekannter und bisher noch nicht so bekannter Autoren der Weltliteratur. Von Goethe bis Elias Canetti, von Keri Hulme (Neuseeland) bis Dirk Brauns (Berlin-Pankow), von Franz Kafka bis Douglas Adams, von Rosenlöcher aus Dresden bis zu Tuiavii aus Tiavea usw. Sie werden sich noch wundern. Und natürlich werden weder Theodor Fontane, noch Bertolt Brecht fehlen, die Jubilare des Jahres. Es wird dabei schwerpunktmäßig um das Gehen gehen, denn der experimentierfreudige Verein lädt zu einer Tagestour ein; nach dieser Lesung wird es sehr praktisch: Es folgt eine insgesamt etwa 4 stündige Winterwanderung vom Bahnhof Dannen-walde nach Menz. Für Kinder ist die Teilnahme nicht zu empfehlen, ansonsten muss man halbwegs gut zu FUSSe.V. sein...." Diese Aktion aus dem Jahre 1998 wurde bedauerlicherweise danach nicht wiederholt, obwohl es deutlich mehr Anmeldungen gab als Plätze und es für alle Beteiligten ein außergewöhnlicher Wandertag war.

    Nehmen Sie mit uns Kontakt auf, wenn Sie sich eine solche wandern + wundern - Aktion für eine kleine Gruppe wünschen würden.