Was ist ein Umwelt-Bahnhof?

umweltbahnhof Ein Bahnhof, an dem Züge halten und Menschen aus- und einsteigen können, um ein umweltfreundliches Verkehrssystem zu benutzen, ist grundsätzlich ein Beitrag für den Umweltschutz. In Dannenwalde ist das besonders augenfällig und gut darstellbar, weil ein paar Meter weiter die oft verstopfte Bundesstraße B 96 entlangführt. Der Begriff "Umweltbahnhof" ist keine kuriose Idee, sondern ein bundesweit verwendeter Arbeitstitel für einen Bahnhof, der im Sinne des Umweltschutzes mehr ist als ein Halt. Rufen Sie das Stichwort im Internet auf, werden Sie staunen, wie viele Einträge Sie finden. Es folgt ein Beitrag zur Gründungsversammlung des Vereines Umweltbahnhof Dannenwalde e.V. vom 15.Februar 1997, der noch heute Aktualität hat. Der kleinste Umweltbahnhof Deutschlands kann heute einiges von dem bieten, was sich die Aktiven damals vorgestellt hatten:

Ist nicht jeder Bahnhof ein Umweltbahnhof,

weil hier halbwegs umweltfreundlich ein Ort erreicht werden kann? Das Auto nimmt mittlerweile bei allen großen Umweltproblemen die traurige Spitzenposition ein. Auch auf die Region im Norden Brandenburgs bezogen, muss leider festgestellt werden:

  • Ein immer größerer Teil der Waldschädigungen ist darauf zurückzuführen, daß zu viele Menschen möglichst jede Stelle des Waldes zu Erholungszwecken mit dem Auto erreichen wollen.
  • Ein zunehmender Anteil an den Klimaschädigungen, am Ozon, an der Luftverschmutzung hängt damit zusammen, daß zu viele Menschen gerade zu Freizeit- und Erholungszwecken meinen, auf das Auto nicht verzichten zu können.
  • Immer mehr Menschen leiden unter dem Lärm, den sie selbst oder andere erzeugen, um mal einen Moment der Ruhe zu genießen.
  • Immer mehr Menschen leiden an verkehrsbedingten Krankheiten, werden bei Straßenverkehrsunfällen verletzt oder gar tot gefahren, damit ein Teil von ihnen möglichst schnell das Ziel erreicht, an dem sie etwas für ihre Gesundheit und das seelische Gleichgewicht tun wollen. Die generellen Probleme sind sicher den meisten bewusst, noch nicht so bekannt ist der hohe Anteil des Freizeitverkehrs daran, der mittlerweile in Deutschland etwa die Hälfte des gesamten Verkehrsaufkommens ausmacht. Am Verhalten ändert sich aber leider allein durch das Problembewusstsein recht wenig. Positives Verhalten für die Umwelt und für die Gesundheit der Menschen muss einübbar sein und es muss vor allem möglichst direkt und umgehend belohnt werden, z.B. durch eindeutigen Lustgewinn. Ist aber das Aussteigen an einem geschlossenen, dem Verfall ausgesetzten Bahnhof ohne Unterstellmöglichkeit bei Regen ein Lustgewinn?

    Was genau zeichnet nun einen Umweltbahnhof aus?

    Der Begriff ist nur wenige Jahre alt und kann noch mit Leben gefüllt werden. Die bisherigen Definitionen des Umweltbahnhofes unterscheiden erst einmal grundsätzlich zwischen

    1. der äußeren und

    2. der inneren Verknüpfung.

    Mit der äußeren Verknüpfung sind die Verkehrsbeziehungen gemeint, z.B. der Fahrplan der Bahn, aber auch die Frage der Verknüpfung mit anderen Verkehrsarten z.B. auch die Fuß- und Radwegenetze, die Zugänge zum Bahnhof und das gesamte Bahnhofsumfeld. Darüber hinaus steht der Umweltbahnhof für eine wieder stärker auf den Bahnhof ausgerichtete Siedlungsentwicklung, ein für Dannenwalde wahrscheinlich erst mal kein so vorrangiger Aspekt.

    Die innere Verknüpfung bezieht sich mehr auf den Bahnhof selbst, z.B. die Bedingungen des Ein- und Aussteigens, die Aufenthaltsqualität, mögliche Beratungs- und andere Angebote im Bahnhof, die gesamte Bahnhofsgestaltung und darüber hinaus auch die möglichst ökologisch verträgliche Umgestaltung. Es geht um die Bedürfnisse der Bahnbenutzer im Bahnhof und dabei um die Benutzerfreundlichkeit, die Sicherheit und auch den Komfort für alle Benutzergruppen. Für Dannenwalde sei hier beispielhaft erwähnt, die notwendige Erschließung der zweiten Bahnhofsseite, aber auch die Problematik des Ein- und Aussteigens aller mobilitätsbehinderten Menschen, mit Kinderwagen, Fahrrad, Gepäck oder Rollstuhl.

    Beide Ebenen zusammen, die innere und die äußere Verknüpfung, sollen den Umweltbahnhof zu einer Schnittstelle mit seiner Umwelt machen. Wir würden zu diesem wissenschaftlichen Definitionsversuch eine dritte Ebene hinzufügen:

    3. Die Verknüpfung in unser aller Köpfe.

    D.h. der Bahnhof muß auch wieder stärker eine der Schnittstellen unseres alltäglichen Handelns werden. Er muß einerseits ein positives Reisegefühl in uns verursachen, andererseits aber zu einem Routineanlaufpunkt täglicher Wege werden. Der Weg zum Bahnhof ersetzt den oft voreiligen Griff zum Autoschlüssel. Die anschließende streßfreie Fahrt wird als Belohnung empfunden.

    Die übergreifenden Zielsetzungen des Umweltbahnhofes

    lassen sich in folgenden vier Punkten zusammenfassen:

  • Erstens geht es ganz allgemein um die Verbesserung des Ansehens der Bahn, ein neues Selbstbewusstsein und um das Werben neuer Kundenschichten. Die Dannenwalde-Koalition ist da auf dem richtigen Wege, auch z.B. mit der Herausstellung der Tatsache, dass man mit der Bahn von Berlin aus schneller im Wald ist als mit dem Auto.
  • Zweitens muss der Bahnhof zu einem Schnittpunkt der verschiedenen Verkehrsmittel werden. Auch für Dannenwalde trifft es zu, dass die Bahnfahrt alleine zwar schon ein Teil der Erholung sein kann; es muss dann aber eine Verknüpfung z.B. mit einer Fuß-, Rad- oder Bootswanderung folgen, die wiederum mit der Bahnrückfahrt zu verknüpfen ist.
  • Drittens ist die trennende Wirkung von Bahnanlagen zu überwinden. In Dannenwalde kann der Umweltbahnhof im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Brücke zwischen der Siedlung und dem Erholungsgebiet werden.
  • Viertens aber kann selbst in Dannenwalde der Umweltbahnhof eine Keimzelle sein für die Aufwertung der derzeitigen Brachlandschaft um ihn herum.

    Gibt es für einen Umweltbahnhof Dannenwalde praktische Vorbilder?

    Unser Blick muss schon weit schweifen, vom östlichsten bis zum westlichsten Bundesland. Was den meisten wahrscheinlich nicht so gegenwärtig ist: Rheinland-Pfalz ist abgesehen von seiner Koblenz-Ludwigshafen-Achse ein überwiegend ländlich strukturiertes Flächenland. Insgesamt hat das Land zwar eine etwa doppelt so hohe Bevölkerungsdichte (Brandenburg ca. 90, Rheinland-Pfalz ca. 190 Ew/km²), es geht aber auch dort vorwiegend um die Anbindung von dünn besiedelten Regionen und auch um Gebiete mit touristischer Bedeutung. Insofern sind die dortigen Bemühungen durchaus für Brandenburg von Interesse. Der "Rheinland-Pfalz-Takt" mit seiner flächendeckenden Einführung des integralen Taktfahrplanes und dem dazugehörenden abschnittsweisen Streckenausbau, der Wiedereröffnung von Bahnhöfen und Strecken und das Modellvorhaben "Umweltbahnhof Rheinland-Pfalz" werden dort von der Bahn AG und vom Land unterstützt und, was ja nicht unbedeutend ist, auch weitgehend finanziert. Dabei ist Rheinland-Pfalz keineswegs das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, es ist mit seinen wirtschaftlichen Steigerungsraten das Schlusslicht der Altbundesländer. Aber, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

    Die Kernaussagen des Modellprojektes "Umweltbahnhof Rheinland-Pfalz" lauten: "Die Bahn zielt mit Unterstützung des Landes auf eine Trendwende zugunsten umweltfreundlicher Verkehrsmittel. Das Modellprojekt setzt die begonnene Aufwertung des Bahnreisens fort. Die Bahnhöfe als Schnittstelle sollen zu vorzeigbaren Visitenkarten des öffentlichen Verkehrs und der Städte werden. Der `Umweltbahnhof` soll sich als Ort und Zeichen einer umweltverträglichen Mobilität auszeichnen."

    Es läßt sich zusammenfassen, dass es für den Begriff "Umweltbahnhof" noch keine eindeutige und für alle geltende Definition gibt. Es gibt ein paar Grundüberlegungen, eine ganze Reihe von möglichen Anforderungen und Ideen und Visionen. Das heißt:

    Der Umweltbahnhof muss vor Ort mit Leben gefüllt werden.

    Der kleinste Umweltbahnhof Deutschlands hat schon jetzt einige neue Aspekte in die Umweltbahnhof-Diskussion eingebracht. Dabei geht es keineswegs um große wissenschaftlich abgesicherte Rahmenbedingungen, sondern es geht in der Hauptsache um ganz kleine und auch profane Dinge.

  • Warum zum Beispiel nicht ein Öko-Klo auf einem Bahnhof, der ja nicht Ausgangspunkt für den Opernbesuch ist, sondern mit seiner umliegenden Natur wirbt?
  • Warum nicht einen Regenschirm-Dienst anstatt eines überdachten Bahnsteiges?
  • Warum nicht wieder Blumen in den Schalen, so wie sie vor wenigen Jahren noch vom Bahnhofspersonal gepflegt wurden?
  • Warum nicht Blumenkästen an die Fenster und den Bahnhofsvorplatz als angenehmen Dorfplatz gestalten?
  • Wenn die Bahnhofsstube nicht durchgängig zu öffnen ist, warum nicht die Informationen nach außen bringen? Und so weiter... (Aktuelle Einfügung: Alle diese Ideen wurden Schritt für Schritt umgesetzt.)

    Merkpunkte des dörflichen Lebens in Brandenburg sind die kleinen kräftigen Kirchen, die geheimnisvollen Friedhöfe, die versteckten und oft vermosten Dorfteiche, die alten Gutshäuser, die durchaus romantischen Dorfstraßenausblicke und nicht zuletzt die oft künstlerisch gestalteten kleinen Bahnhöfe. Keiner dieser charakteristischen Punkte darf verrotten.

    Jeder zusammengefallene Bahnhof ist eine Schande für Brandenburg.

    Deshalb kann der Freundeskreis rund um den Umweltbahnhof durchaus schon jetzt ein wenig stolz darauf sein, dass es im Gegensatz zu vielen anderen geschlossenen Bahnhöfen diesen Haltepunkt der Bahn gibt, dass das Gebäude im Gegensatz zu den vielen anderen kleinen Bahnhöfen positiv genutzt wird. Der Weg ist das Ziel, und auch wenn niemand so recht weiß, was denn nun ein Umweltbahnhof ist; in Dannenwalde ist man auf dem richtigen Weg.

    Quellen:

    Dies ist eine aktualisierte Fassung des Artikels:
    Herzog-Schlagk,Bernd: Was ist ein Umweltbahnhof? in InformationsDienst-Verkehr IDV, Heft 53, 18. Jahrgang, April 1997. Zu beziehen im Abonnement heute unter dem Titel: mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung. Bei: FUSS e.V. + UMKEHR e.V.(Hg.), Exerzierstr. 20, 13357 Berlin.

    Weitere Informationen zum Thema "Umweltbahnhof" finden Sie in:

    MEDIASTADT und Öko-Institut: Planungshandbuch Umweltbahnhof Rheinland-Pfalz, Mainz, Darmstadt, Freiburg 1995, im Auftrag Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz und Deutsche Bahn AG. Noch immer das Standardwerk zum Thema. Zu beziehen: Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, Bahnhofstraße 4, 55116 Mainz.

    Christ, Wolfgang: Umweltbahnhof Rheinland-Pfalz, SONDERDRUCK aus baumeister 9/95. Für die erste Kontaktaufnahme mit dem Thema geeignet, für Praktiker bietet es zu wenig Informationen. Zu beziehen: MEDIASTADT, Bauhausstraße 2, 99423 Weimar.

    Loose, Willi und Christ, Wolfgang: Umweltbahnhof - Stadtentwicklung mit der Bahn, in Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung, 12.Ergänzungs-Lieferung, 12/95, Pkt. 3.3.9.2., eine sehr brauchbare Zusammenfassung des Planungshandbuches.

    Ansonsten stöbern Sie bitte im Internet.